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DE HUISGENOOT
22. Januar, Übersetzung von Judith Jamin

Wie aus dem Nichts tauchte der schwarz gekleidete Radfahrer auf, als er in voller Fahrt die Tiergartenstraße kreuzte. Außer dem Schimmer der Fahrradlampe auf dem Pflaster war nur ein an seinem Oberarm befestigtes Reflexband sichtbar. Ich riss den Mund auf, aber brachte nicht mehr als ein heiseres Krächzen hervor.

Die ganze Szene spielte sich innerhalb weniger Sekunden ab, ein Film in Zeitlupe. Mit einem Schreckenslaut fuhr Mirco vom Herumspielen an der Klimaanlage hoch und trat voll auf die Bremse. Die Reifen quietschten, der Wagen geriet ins Schleudern und rutschte weiter. Ich krümmte mich zusammen. Wir bewegten uns nur langsam, doch das Geräusch des Aufpralls traf mich mit unerwarteter Lautstärke. Scheppernd wich das Fahrrad zur Seite, während der Mann kopfüber auf die Motorhaube schlug, dann auf die Straße zurückglitt und dort reglos liegenblieb.

Zwar lösten die Airbags nicht aus, aber der Zusammenstoß hatte mich auf meinem Sitz kopfüber nach vorn geworfen. Mirco klammerte sich keuchend an das Lenkrad, als leide er an Schnappatmung. „He, alles okay?“ rief ich. Er nickte benommen. In Panik stieß ich die Tür auf und sprang aus dem Auto. Bebend kniete ich neben dem Körper nieder. Im gnadenlosen Licht der Scheinwerfer breitete sich ein dunkler Fleck auf dem beschneiten Asphalt aus: Blut, das geradewegs durch die Wollmütze aus der Seite seines Kopfes in den Schnee sickerte. Sein Hals schien merkwürdig verdreht und ein Bein lag sonderbar angewinkelt unter seinem Körper. Die halbgeöffneten Augen nahmen nichts mehr wahr. Es gab keinen Zweifel, ich hatte schon mehr tote Menschen gesehen. Mirco war wie gelähmt im Auto sitzengeblieben und starrte verängstigt auf den Rand des Parks, als erwarte er von dort noch weiteres Unheil. Der Radfahrer hatte in die von der japanischen und italienischen Botschaft flankierte Hiroshimastraße einbiegen wollen. Dunkel und verlassen lagen die massiven Gebäude da. Normalerweise musste es Wachpersonal geben, was sich allerdings auch auf der Rückseite aufhalten konnte. Ich bemerkte jedenfalls keinerlei Lebenszeichen, weder auf der Straße, noch in den Botschaftsgebäuden noch im Park. Alles blieb totenstill. Wir waren ganz allein auf der Welt: der Radfahrer, Mirco und ich.

Ich stieg wieder in den Wagen und befahl mit aller mir zur Verfügung stehenden Autorität: „Mirco, losfahren.“ Verwirrt und kreidebleich sah er mich an: „Was? Fahren? Wohin?“ „Nach Hause, sofort! Aber ganz ruhig, mäßiges Tempo.“ „Verdammt noch mal!“ schrie er. „Wir können doch nicht einfach abhauen!“ „Was denn sonst? Wir warten hier nicht, bis alles noch schlimmer wird“, erwiderte ich. „Aber der Mann? Sie müssen die 112 anrufen.“ „Das mache ich nachher. Es hat sowieso keine Eile, dem ist doch nicht mehr zu helfen. Setz dich auf meinen Platz, dann fahre ich eben. Vorwärts, mach schon, Mann!“ Meine Stimme überschlug sich. In weiter Ferne tauchten verschwommene Lichter auf. „Oh Gott, da kommen Autos! Fahr los, sag ich dir. Mirco, sofort!“ Wie ein Roboter startete er den Motor, und der Golf setzte sich langsam in Bewegung. Er musste noch einmal das Fahrrad gestreift haben, ich hörte es knirschen. In eisiger Stille fuhren wir zum Steinplatz.

Ich beschloss, den Wagen im Parkhaus Knesebeckstraße nicht auf meinem Dauerparkplatz abzustellen, sondern ihn erst einmal gründlich zu inspizieren. Wir schraubten uns auf der grauen Spirale in die Höhe, bis wir ein leeres Parkdeck erreichten. Bei der gelblichen Beleuchtung nahmen wir den Schaden in Augenschein, der sich mit einigen hässlichen Kratzern auf der Motorhaube, einem beschädigten Kühlergrill und verbogenem Nummernschild eigentlich in Grenzen hielt. Auch das Glas des rechten Scheinwerfers war zerbrochen. Ansonsten war erstaunlich wenig zu sehen. Aber mit den modernen Untersuchungsmethoden dürfte die Polizei aufgrund der am Fahrrad zurückgeblieben Lacksplitter schnell einem Volkswagen Golf auf die Spur kommen Womöglich verwendete man für die GTI-Modelle sogar Speziallackierungen!

„Ich bringe das schon in Ordnung, Mirco“, sagte ich mit größtmöglicher Beherrschung, als habe ich die Situation unter Kontrolle. „Bloß Ruhe bewahren und den Mund halten. Wir müssen jetzt vor allem gut nachdenken und keine Dummheiten machen.“ Er erwiderte nur: „Wann rufen Sie die 112 an?“

„Nicht mehr nötig, es kam ja kurz darauf ein anderes Auto. Auch die Polizei und ein Krankenwagen werden wohl inzwischen eingetroffen sein. Er war tot, das musst du mir glauben. Komm, wir gehen. Das Auto lassen wir hier stehen.“ Unterwegs sprachen wir kein Wort. Zu Hause wollte Mirco sich in sein Zimmer zurückziehen. Ich schlug ihm vor, noch etwas zusammen zu trinken, um uns von dem Schock zu erholen. Obwohl er, wie ich bemerkte, eigentlich wenig Lust dazu hatte, wagte er keine Einwände. Wir saßen vor einem Bier am Küchentisch und starrten vor uns hin. Er bat um Erlaubnis sich eine Zigarette anzünden zu dürfen, nur dieses eine Mal. „Fahrerflucht“, stieß er hervor, während er tief den Rauch seiner Zigarette inhalierte. Verzweifelt schüttelte er den Kopf, und auf mein Schweigen hin wiederholte er: ‘‘Fahrerflucht, das Wort allein schon. Wie hoch ist die Strafe bei Fahrerflucht?“

„Hängt davon ab“, antwortete ich ausweichend. „Was genau passiert ist, und wie.“
„Und wenn man jemanden totgefahren hat?‘‘
„Ich bin mir nicht sicher. Vorübergehender Entzug der Fahrerlaubnis und Haftstrafe auf Bewährung, glaube ich.“

Allerdings wusste ich, dass dem Fahrer im schlimmsten Fall eine dreijährige Gefängnisstrafe ohne Bewährung sowie lebenslanger Führerscheinentzug drohten. Ob ich mich als Beifahrer ebenfalls einer Straftat schuldig gemacht hatte, blieb noch zu klären. Im Grunde tat es nichts mehr zur Sache – meine Tage als Politiker schienen ohnehin gezählt. Das Bekanntwerden des fatalen Vorfalls genügte vollkommen.
„Ich kann mich ja noch selbst melden“, sagte Mirco gequält. „Dann ist es keine Fahrerflucht mehr, nicht wahr?“

„Leider doch, Mirco‘‘, belehrte ich ihn sanft. „Die Definition dieses Delikts lautet nämlich: unerlaubtes Entfernen vom Unfallort. Das hilft also nichts. Du darfst dich aber keinesfalls schuldig fühlen. Der Mann schoss wie ein Wahnsinniger aus dem Tiergarten hervor, ohne im Geringsten auf den Verkehr zu achten. Wahrscheinlich fährt er die Strecke öfter und ist darum unvorsichtig geworden. Abends ist dort wenig los. Zudem war es spiegelglatt, und er trug nicht einmal einen Helm. Eine üble Geschichte, aber dich trifft keine Schuld.“
Mirco zog nervös an der Zigarette, wobei er trübsinnig dem Rauch nachblickte.
„Du solltest auch die Folgen bedenken“, fuhr ich fort. „Es geht dir jetzt gut. Du stehst beinahe auf eigenen Füßen. Das elende Leben auf der Straße ist Vergangenheit. Wenn du dich jetzt selbst anzeigst, bist du verloren. Das klingt vielleicht dramatisch, ist aber Tatsache. Du bist auf einmal vorbestraft, du kommst ins Gefängnis, dein Führerschein ist weg, deine ganze Zukunft ist verkorkst, und wofür? Der Radfahrer hat nichts mehr davon. Glaub mir, wir müssen einfach um jeden Preis eine Entdeckung verhindern.“
Mirco gab keine Antwort. Wie in Trance schüttelte er noch immer den Kopf.

„Ich sage das wirklich zu deinem Besten, Junge.“ Das Weinen stand ihm näher als das Lachen, als er mit zitternder Stimme erwiderte: „Ich verstehe schon, was Sie meinen. Es ist bloß alles so entsetzlich, und ich sehe keinen Ausweg. Darum schien mir die Selbstanzeige wie eine Befreiung. Aber Sie haben Recht, es hilft ja niemandem.“
„Genau. Morgen werde ich mich um den Schaden kümmern. Manche Betriebe bieten, wenn man zumindest ihrer Reklame glaubt, Reparaturen innerhalb von 24 Stunden an. Und wie du selbst gesehen hast, ist das Auto ja nicht allzu sehr beschädigt.“
„Morgen früh wird es wohl in der Zeitung stehen‘‘, sagte Mirco niedergeschlagen.

Die Presse. An die hatte ich noch gar nicht gedacht.
“Nein, für die Morgenzeitung ist es auf jeden Fall schon zu spät. Die Abendausgabe und die regionalen Rundfunk- und Fernsehsender werden vermutlich einen Bericht bringen, das lässt sich nicht vermeiden. Wir müssen da jetzt einfach durch, uns bleibt nichts anderes übrig. Auch das geht vorüber. Solche Dinge passieren öfter und geraten ebenso schnell wieder in Vergessenheit, glaub mir.

Wir sollten vielleicht doch versuchen, ein wenig zu schlafen.“
Keine Ahnung, wie es Mirco erging, ich jedenfalls war nach kaum einer Stunde unruhigen Schlummers wieder hellwach. Mein Magen krampfte sich nervös zusammen. Du lieber Himmel, saß ich in der Klemme! Der Radfahrer hatte sicherlich eine Freundin. Eine Frau, Eltern. Die wurden jetzt telefonisch benachrichtigt oder erhielten Polizeibesuch: Dürfen wir vielleicht kurz hereinkommen?

Ich hatte nicht nach einem Ausweis oder einer Bankkarte gesucht. Ohne diese Papiere dürfte eine Identifizierung länger dauern. Die Freundin, die Frau, die Mutter ruft gegen Mitternacht die Polizei an: Nicht nach Hause gekommen? Einen Augenblick bitte, ja, hier liegt eine Meldung vor. Ein Radfahrer, Krankenhaus, leider am Unfallort verstorben. Unser Beileid.

Verschlafene Kinder in ihren Schlafanzügen. Warum weinst du, Mama?
Halt, aufhören! Nicht den Kopf verlieren, logisch nachdenken!

Die Schadensreparatur war jetzt vorrangig. Oder ging ich damit etwa ein Risiko ein? Laut Standardprozedur erkundigte die Polizei sich vermutlich bei allen Werkstätten in der Umgebung, wer seinen Wagen zu Lackreparaturen angemeldet hatte. Jedenfalls lief es so in den Fernsehkrimis ab und es erschien mir auch in diesem Fall einleuchtend. Sollte ich vielleicht lieber einige Wochen warten oder zur Sicherheit selbst meinem Auto irgendwie einen Totalschaden zufügen? Nein, das wirbelte erst recht Staub auf. Ob die Polizei den Lack tatsächlich identifizieren konnte? Mit schweißnassen Fingern tippte ich eine Weile ergebnislos auf dem iPad unter „Lack“ und „Golf GTI‘‘ herum.

Es war entschieden kein Fall für eine offizielle Autowerkstatt, hier musste irgendein Hinterhofschrauber her und zwar so schnell wie möglich. Aber wer? Ich kannte niemanden und Mirco sicherlich ebenso wenig. Meine Schläfen hämmerten schmerzhaft, der Wecker zeigte beinahe halb sechs. Die Nacht war bereits vorbei, und um acht Uhr würde Gizela vor der Tür stehen. Ich fuhr im Bett hoch. Gizela. Gesprächsfetzen widerhallten in meinem Kopf. Gizela hatte mir einmal besorgt von ihrem Bruder erzählt, der mit Autos bastelte und ihrer Meinung nach in Gesellschaft von Kriminellen verkehrte. Sie bat mich um Rat, wie sie ihn wieder auf die rechte Bahn bringen könne. Meiner Gewohnheit nach hatte ich nur mit halbem Ohr zugehört, während ich die Zeitung las und ich zermürbte mir jetzt das Gehirn, was sie nun eigentlich genau gesagt hatte. Hatte es nicht etwas mit dem Umbau gestohlener Autos zu tun? ‚Kommen Sie nach Polen, Ihr Auto ist schon da‘ lautete ein populärer Witz. Gizelas Bruder war mein Mann – ich legte mich noch einmal hin und fiel in einen wirren Halbschlaf. Als ich um viertel nach acht hochschreckte, klickte ich sofort auf die Nachrichten-Apps meines iPad. Zwar hatte ich mit dem Schlimmsten gerechnet, doch was ich jetzt schwarz auf weiß las, schnürte mir die Kehle zu.

Radfahrer tödlich verunglückt
Gestern Abend wurde auf der Tiergartenstraße in Höhe Hiroshimastraße ein Radfahrer angefahren und tödlich verletzt. Bei dem Opfer handelt es sich um einen Lehrer (29) aus Schöneberg. Er war verheiratet und hinterlässt einen Sohn. Vermutlich wurde er beim Überqueren der Tiergartenstraße von einem Fahrzeug erfasst. Das Opfer wurde gegen 21.3O von einem die Unfallstelle passierenden Autofahrer aufgefunden. Beim Eintreffen der Rettungskräfte war der Mann bereits tot. Wie die Polizei mitteilte, befand sich das unfallverursachende Fahrzeug nicht am Unfallort. Gegen den unbekannten Fahrer werden Ermittlungen wegen Fahrerflucht eingeleitet. Mögliche Zeugen des Unfalls werden dringend gebeten, sich mit der Polizei in Verbindung zu setzen.

Gern hätte ich Mirco – der Bericht musste ein Albtraum für ihn sein – das Lesen dieser Zeilen erspart. Da ich es jedoch nicht verhindern konnte, wollte ich ihn wenigstens behutsam darauf vorbereiten. Die Buchstaben des Artikels tanzten vor meinen Augen. Ich wagte es nicht, den regionalen Fernsehsender einzuschalten. Lange ließ ich den Strahl der Dusche über mein Gesicht laufen, was mir nicht unbedingt zu einem klareren Kopf verhalf. Erst beim täglichen Ritual der Zeitungslektüre unten am Küchentisch und bei zwei Espressos gelang es mir, mich ein wenig zu entspannen. Wie erwartet fand sich in den Morgenzeitungen nichts über den Unfall. Das war jetzt die Sache der Abendzeitungen.

Gizela war gerade in der Küche beschäftigt, als ich mein Anliegen in einer möglichst unverfänglichen Frage vorbrachte: „Ich habe einen Parkschaden an meinem Auto entdeckt, den ich gern rasch ?und kostengünstig repariert haben möchte. Die großen Werkstätten brauchen zu lang. Sag mal, macht dein Bruder nicht so etwas in der Richtung?“
„Ja, Borys‘‘, nickte Gizela. „Ich kann ihn sofort anrufen. Wenn Sie heute noch vorbeikommen wollen, wird er sicher Zeit für Sie freimachen.“ Sie streckte die Hand aus und schaute mich erwartungsvoll an. Fragend blickte ich zurück, bis sie hinzufügte: „Ja, eh … könnte ich vielleicht Ihr Telefon benutzen?“
„Ach so, ja natürlich – wo habe ich es bloß? Zu dumm, es muss noch oben liegen.“ Es schien mir nicht ratsam, meine eigene Nummer im Telefon ihres Bruders zu hinterlassen. „Bitte, kannst du ihn für mich anrufen? Ich übernehme dann und werde mich kurzhalten.“

Borys nuschelte dermaßen, dass ich ihn kaum verstand. Er hatte jedoch Zeit und konnte gleich mit der Reparatur beginnen. Er beschrieb mir seinen Standort, einen Schuppen hinter einem Recyclinghof in der Breitenbachstraße, die in Reinickendorf im Nordwesten Berlins lag. Wir verabredeten uns für zehn Uhr.

Mirco war immer noch nicht erschienen. Ich musste mit ihm reden, bevor er selbst in den Nachrichtenmedien suchte oder Gizela Gelegenheit hatte, Fragen zu meinem Auto zu stellen. Um halb zehn hatte ich das Warten satt, und ich machte mich mit einer Tasse Kaffee auf den Weg ins Souterrain. Ich klopfte zweimal, ohne eine Antwort zu erhalten. „Mirco, ich bringe dir eine Tasse Kaffee. Kann ich dich kurz sprechen? Es ist wichtig.“ Ich vernahm ein Stöhnen: „Oh, nein!“
Danach blieb es wieder still, worauf ich mit erhobener Stimme „Mirco, mach die Tür auf“, rief. Keine Antwort, dann musste ich eben härtere Mittel einsetzen. „Los jetzt, sonst hole ich meinen eigenen Schlüssel.“

Nach einigem Rumoren öffnete sich die Tür und Mirco erschien in einem T-Shirt und Boxershorts. Mit den dunklen Ringen unter den Augen und seinem steil aufrecht stehenden orangefarbenen Haar glich er plötzlich wieder einem tragischen Clown. Ohne mich anzublicken machte er kehrt und setzte sich mutlos auf den Bettrand. Ich stellte die Kaffeetasse auf den Nachttisch. „Nachher fahre ich zu Gizelas Bruder, der das Auto auf Vordermann bringt. Der Golf wird also schnell wieder picobello aussehen. Falls Gizela davon anfängt, erzählst du ihr irgendetwas von einem Parkschaden, jemand hat samstagabends das Auto beschädigt, keinen Zettel hinterlassen, und wir haben es erst am Sonntagmorgen entdeckt, okay?“ Er nickte abwesend. „Steht etwas in der Zeitung?“ „Nein, nur ein paar Zeilen in den Onlineausgaben. Tödlicher Unfall, Polizei stellt Ermittlungen an. Sie wissen gar nichts, mach dir keine Sorgen.“ „War er wirklich tot?“ fragte Mirco verzagt. „Was stand denn noch darin?“ „Nur wenig“, versuchte ich ihn zu beruhigen. „Er war 29 Jahre alt, wohnte in Schöneberg. Ein anderer Autofahrer hat ihn gefunden und die 112 angerufen, er war aber bereits tot. Das ist alles.“

Mirco schlug die Hände vors Gesicht. „Hätte ich bloß nicht an der Heizung herumgefingert, sondern die Straße im Auge behalten. Was für ein verdammter Idiot bin ich!“
„Der Mann hätte selbst aufpassen müssen, Mirco“, erwiderte ich müde.
„Kann ich nicht doch noch zur Polizei gehen – bitte“, flehte er. „Wenn ich verspreche, Sie ganz aus dem Spiel zu lassen?“
Mein Herz setzte einige Schläge lang aus. „ Auf keinen Fall! Es wäre das Dümmste, was du tun könntest. Es geht nicht um mich, ich war ja nicht der Fahrer, und ich käme ohne weitere Konsequenzen mit einem blauen Auge davon. Aber was habe ich dir gestern gesagt? Du vermasselst dir deine Zukunft, und wozu? Es bringt dir nichts.“
„Doch, meinen Seelenfrieden‘‘, entgegnete er mit dem feierlichen Ernst der Jugend.
„Der kehrt schon von selbst zurück. Trinke erst mal deinen Kaffee und nimm eine ausgiebige Dusche, das wird dich aufmuntern. In der Zwischenzeit bringe ich das Auto zur Reparatur und nehme dann die U-Bahn zum Reichstag. Also, bis heute Abend.“
An der Tür wandte ich mich noch einmal um. Vom Bett her trafen mich die Augen eines verwundeten Tieres. „Und bloß keine Dummheiten machen, Mirco“, sagte ich.

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